Bedeutet Trauern, sich schlecht zu fühlen?

13.11.2019

Blick zurück auf den 3. Januar 2016: Alle, die mein Facebook-Account aktiv mitverfolgen, wissen, dass meine Mutter, im Alter von 83, am Montag, 28. Dezember 2015, nach 4-monatiger intensivster Betreuung im Pflegeheim, nach schwerer Demenz, ihre verdiente und ewige Ruhe gefunden hat.

Und auch, dass ich am selben Tag notfallmässig ins Spital eingeliefert wurde, aus dem ich drei Tage später "in gutem Allgemeinzustand" wieder entlassen wurde.

Warum ich dir das erzähle? Gestern schrieb mir auf Facebook in einer privaten Nachricht jemand, wie ich denn Flammkuchenrezepte posten könnte, wo doch gerade meine Mutter verstorben sei? Von jemandem wie mir hätte sie doch mehr Integrität und Sinn für die wichtigen Themen im Leben erwartet.

Der Coach - das perfekte Wesen? Nope. Wer mich kennt, weiss, ich esse für mein Leben gerne. Umso schlimmer, wenn jemand wie ich tagelang an der Infusion hängt und nicht mal einen Schluck Wasser trinken kann, ohne Schmerzen oder dass der Magen meldet "return to sender". Als wir mit der engsten Verwandtschaft nach der Nachricht des Todes meiner Mutter in der Caféteria des Pflegeheims sassen und vorausschauend für vier Personen Mittagessen bestellt hatten, meinte meine Tante: "Weisst du, in so Situationen kann ich einfach nichts essen." Ich erwiderte: "Das kann ich verstehen, dann nimm einfach so viel, wie du magst, mit Fleisch, ohne Fleisch oder auch gar nichts. Ich bin traurig und habe Appetit. Und ich bin mir sicher, meine Mutter möchte, dass es mir gut geht und dass ich bei Kräften bleibe. Für mich ist es elementar, regelmässig zu essen."

Und ja, wahrscheinlich ist die Trauer noch nicht ganz bei mir angekommen. Ich erlaube mir noch immer, erst einmal erleichtert zu sein. Die letzten vier Monate mit wöchentlichen Besuchen und je 4 Stunden Zugfahrt haben mich sehr viel Kraft gekostet. Ich durfte am Vorabend ihres Todes bis 23 h an ihrem Bett sitzen und ihre Hand halten. Sie hat selber dosiert, wie viel Berührung sie erträgt. Mein Vater blieb über Nacht und hat ihren letzten Atemzug begleitet. Sie waren 42 Jahre verheiratet (ja, sie war meine Stiefmutter). Bereits vor den Monaten im Pflegeheim war meine Mutter geschätzte zwei Jahre lang nicht mehr wirklich ansprechbar, hat kein Telefon mehr abgenommen und auch nicht mehr danach verlangt, ausser meinem Vater mit jemandem zu sprechen oder jemanden zu sehen. Wie habe ich die stundenlangen Telefongespräche mit ihr vermisst.

Seit vergangenem Montag im Spital, als ich mich fast 24 h mit Bauchkrämpfen herumplagte und viele liebevolle Zuschriften bekam, mein Thema sei das Loslassen, begann ich ganz natürlich, mit meiner Mutter zu sprechen, also ob sie neben mir sitzen oder durch den Telefonhörer zu mir sprechen würde.

Vermutlich kriege ich jetzt wieder eine PN, mein Foto oben sei zu bunt und nicht angemessen. Und weisst du was, es ist so was von passend, das Foto. Das kann nur ich beurteilen. Sie hat das Leben geliebt, meine Mutter, starke Farben, war eine begnadete Sängerin und Tänzerin und ihr italienisches Temperament immer präsent.

Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, lebe ich in euch weiter. (Rainer Maria Rilke)