Wie du durch Aufräumen Verlustängste heilst

06.12.2019

Was ist das praktisch heute mit der digitalen Fotografie! Statt wie früher hunderte von Fototaschen aufzubewahren, übernimmt das heute unser Smartphone oder der Compi. Doch was machst du mit den Fotos von anno domini? Vielleicht geht es dir wie einer Kundin von mir, die eine unüberschaubare Anzahl dieser Couverts hortete und bei jeder Fotoalbum-Aktion freudig profitierte: Nimm 4, zahle 3! Das war es dann aber schon, mehr Bewegung kam nicht in die Chose. Fototaschen, bis zum Jahr X sauber beschriftet (Ferien Toskana 1975), stapelten sich genau so im Schrank wie die original in Cellophan geschweissten Fotobücher, auf denen der Aktionshinweis prangte.

Der Versuch, Ordnung und ein System in diese Zeitdokumente zu bringen, schien zum Scheitern verurteilt. Meine Kundin machte keine Anstalten, sich nur von einem einzigen Foto zu trennen. Im Gegenteil: Selbst wenn sie mehrere Schnappschüsse ihrer drei Söhne vor sich hatte und selber zugeben musste, dass sie keinen nennenswerten Unterschied erkennen konnte, schaute sie jedes von ihnen verzückt an und vergass die Zeit genau so wie ihren Vorsatz, Ordnung in das Ganze zu bringen.

Langsam wurde ich etwas ungeduldig und schlug vor, dass sie von den fünf nahezu identischen, vor ihr liegenden Bildern eines behalten dürfte. Sie schaute mich sehr unglücklich an und seufzte tief. Ich wartete, weil ich spürte, dass in ihrem Inneren etwas in Bewegung gekommen war, sich ein RAUM öffnete. Plötzlich schoss sie wie von der Tarantel gestochen auf und sagte unter Tränen: "Meine Mutter hat mir damals, währenddem ich in der Schule war, meine Spielsachen versteckt oder weggeworfen! Ich habe mir geschworen, dass mir das nie mehr passieren wird und dass ich wenn ich erwachsen bin, selbst über meine Sachen entscheide."

Was dann geschah war, dass sie, soweit sie zurückdenken konnte, unfähig war, sich von etwas zu trennen, egal wie schäbig, nutzlos oder überflüssig es im Laufe der Jahre geworden war. Sie gab es einfach nicht mehr her. "Das gehört mir, das nimmt mir keiner weg!", brüllte die Kleine in ihr und verteidigte ihren Besitz mit Klauen und Zähnen.

Als sie diesen Zusammenhang erkannte, ging alles ganz rasch. Es galt nichts mehr zu verteidigen, vor fremden Zugriffen zu schützen oder zu verstecken, damit es verschont bleibt. Sie trocknete ihre Tränen, lächelte mich an und verkündete: "Ich bin bereit, loszulassen!"